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Regionale Produkte sind identitätsstiftend: Thüringer Ernährungswirtschaft verzeichnet Exporterfolge und kämpft mit Verdrängungswettbewerb

Zum 30-jährigen Bestehen des Arbeitgeberverbandes Nahrung und Genuss Thüringen findet heute eine Festveranstaltung in der VIBA Nougat Welt in Schmalkalden statt. Bettina Henning, Vorstandsvorsitzende und langjährige Personaldirektorin der Rotkäppchen-Mumm Sektkellereien GmbH verwies darauf, dass sich die einstigen Gründer entschlossen, sich nicht bestehenden westlichen Strukturen anzuschließen, sondern einen eigenen Verband aufzubauen. Mit Blick auf die Verwerfungen der Thüringer Ernährungswirtschaft und des Arbeitsmarktes Anfang der neunziger Jahre sei der Thüringer Verband einen eigenen Weg gegangen und verwies auf den schwierigen Beginn der Branche nach 1990: " …wo nicht selten im Direktverkauf auf öffentlichen Märkten in ganz Ostdeutschland versucht werden musste, Produkte an den Kunden zu bringen. Angesichts dieser Marktverhältnisse waren die personellen Überkapazitäten in den Ernährungsbetrieben immens und mussten in schmerzhaften Kündigungswellen halbwegs an den arg geschrumpften tatsächlichen Bedarf angepasst werden," sagte Bettina Henning. Aktuell verteile sich das Wachstum ungleichmäßig auf die Betriebe, insbesondere große Standorte expandieren vorrangig durch Exporterfolge, während kleine und mittlere Betriebe unverändert mit Verdrängungswettbewerb im gesättigten Heimatmarkt kämpfen, so die Vorstandsvorsitzende.

Im bundesweiten Kontext konnten die Unternehmen der Ernährungs- und Genussmittelindustrie 2020 in ihrer vielleicht größten Bewährungsprobe seit Bestehen der Bundesrepublik unter Beweis stellen, "dass sie in der Lage sind sich schnell, flexibel und verantwortungsvoll auf veränderte Rahmenbedingungen einzustellen und die Versorgung der Bevölkerung und die Sicherheit der Beschäftigten zu gewährleisten. Die Verbände der systemrelevanten Branche haben hier mit einem gemeinsamen Krisenmanagement hervorragende Unterstützungsarbeit geleistet", sagte Stefanie Sabet, Hauptgeschäftsführerin, Arbeitgebervereinigung Nahrung und Genuss e.V. (ANG). Sie verwies darauf, dass die unsichere konjunkturelle Weltwirtschaft, neue Auflagen der Umwelt- und Verbraucherpolitik aus Brüssel, geplante Gesetze der Arbeits- und Sozialpolitik sowie fehlende Fachkräfte und Spannungen in der Sozialpartnerschaft nur mit starker Interessenvertretung in Berlin und den Ländern zu meistern sind.

VWT-Präsident Hartmut Koch würdigte die wirtschaftliche Bedeutung der Ernährungswirtschaft für Thüringen, die 11,5 Prozent des Jahresumsatzes des verarbeitenden Gewerbes im Freistaat erwirtschaftet. "Zu ihren besonderen Leistungen zählt, Ostprodukte einige Jahre nach der Wende wieder am Markt zu platzieren. Es ist nicht nur wirtschaftlich ein hoher Wert, dass es noch Filinchen, Rotkäppchen, Mühlhäuser Pflaumenmus, VIBA oder Bornsenf gibt. Entscheidend ist auch, dass es gelang, Produkte aus der Thüringer Ernährungswirtschaft überregional zu platzieren. Heute stehen regionale Produkte vorrangig aus Gründen der Nachhaltigkeit und der Stärkung der Wirtschaft vor Ort hoch im Kurs. Das ist richtig und gut. Damals waren diese Produkte zunächst ungeliebt, die Neugier auf ersehnte Westprodukte war groß. Als sich das relativierte, wirken diese Produkte bis heute auch identitätsstiftend." Weiter hob Koch hervor, dass der Verband damals wie heute eine Plattform für Austausch, Unterstützung und Rechtsberatung sei. "Wahrscheinlich ist der ANGT der kleinste Verband in Thüringen. Doch, es komme nicht immer auf Größe an, sondern auf Qualität", so der VWT-Präsident.

Politische Rahmenbedingungen sind für die Wirtschaft und auch für Standortentscheidungen zentral. Prof. Dr. Mario Voigt, Vorsitzender der CDU-Fraktion im Thüringer Landtag sagte: "Die Nahrungs- und Genussmittelindustrie ist von zentraler Bedeutung für die Wirtschaft im Freistaat. Nicht umsonst gilt Thüringen als Land der Kulinarik und des Genusses. Wie auch für andere Bereiche unserer Wirtschaft war es auch für diese Nahrungsmittelbranche ein hartes Jahr. Deshalb gilt es jetzt, bürokratische Fesseln abzubauen und das Vergaberecht zu entrümpeln, um die Thüringer Wirtschaft gut durch die Krise zu bringen und wieder fit zu machen für die Zeit danach."

Der Thüringer Mittelständler Dr. Michael Heinemann zeigte sich fest davon überzeugt, dass sich der Mittelstand in Thüringen weiter gut entwickeln werde  … den Bedürfnissen des Marktes werde sich die Branche mit Blick an demografische  Entwicklung und das sich ständig verändernde Verbraucherverhalten noch mehr anpassen müssen ... "Erste gute Anfänge für mittlere Betriebe beim Aufbau von Exportstrukturen und die noch stärkere Präsenz ostdeutscher Produkte in den alten Bundesländern beweisen das eindrucksvoll. Dabei spielt auch der Aufbau der Ernährungsnetzwerke in Mitteldeutschland eine positive Rolle. Gemeinsam werden Ressourcen erschlossen, die Regionalität ausgebaut und Nachhaltigkeit sowie Umwelterfordernisse zwingen uns immer wieder, neue Weichen für die Zukunft zu stellen", sagte Dr. Michael Heinemann, Geschäftsführender Gesellschafter der GUTENA Nahrungsmittel GmbH Apolda, Vorsitzender des Sozialpolitischen Ausschusses "Ost" des Bundesverbandes der Deutschen Süßwarenindustrie e.V.

Der Verband wurde 1990 gegründet und bietet Firmen der Thüringer Ernährungswirtschaft eine Plattform für Austausch, Beratung und Vernetzung. Darüber hinaus unterstützt er in Personalfragen. Im ANGT sind 29 Firmen mit 6.233 Beschäftigten organisiert. Darüber hinaus führt der Verband Tarifverhandlungen für Firmen, die der Tarifgemeinschaft des ANGT angehören. In der Thüringer Ernährungswirtschaft sind 168 Firmen mit 20.211 Beschäftigten tätig. 2019 erwirtschaftete die Branche 4,2 Milliarden Euro Umsatz, davon 18,7 Prozent im Ausland.

Die Entwicklung der Thüringer Ernährungswirtschaft von 1991 bis 2019*

1991 2019
Betriebe ab 20 Beschäftigte 199 168
Beschäftigte 20.466 20.211
Entgelt (Euro) 9.181 25.250
Umsatz (Milliarden) 1,3 4,2
Export (Prozent) 0,7 18,7

* Quelle: TLS 2019

Dr. Ute Zacharias
Verbandssprecherin
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